Freitag, 21. Oktober 2011

Braucht man denn zum Fahren die Ohren?

Vor einigen Monaten haben wir Euch auf www.fembike.de die gehörlose Tina vorgestellt. Im Interview mit Annette berichtete sie z.B. welche Besonderheiten es beim Führerschein gibt. Sie teilte mit uns ihre Erlebnisse mit hörenden Bikern und Bikerinnen und ließ uns an ihren Träumen teilhaben. Eine inspirierende Frau.
Und weil sie eigentlich noch viel mehr erzählen wollte als im Beitrag Platz hatte, schrieb sie einen Brief, mit der Bitte diesen zu veröffentlichen, was ich auch gerne mache:


Braucht man denn zum Fahren die Ohren?

Tina mit ihrer blauen Fazer
Mein Name ist Tina, bin 46 Jahre alt und bin schon von Geburt an gehörlos. Ich wurde als Frühchen im 6. Schwangerschaftsmonat mit nur 900 Gramm geboren. Meine Mutter war schon nach der Geburt meines Bruders schwer nierenkrank und sollte eigentlich keine Kinder mehr bekommen. Doch als mein Bruder 6 Jahre alt war, war der Wunsch nach noch einem Kind bei meiner Mutter so groß, dass sie sich diesem Risiko aussetzte und mit mir schwanger wurde.

Naja, die ersten beiden Monate meines Lebens verbrachte ich im Brutkasten. Man kümmerte sich sehr um mich. Ich war sozusagen der Sonnenschein. Meiner Mutter ging es nicht so gut, denn wie befürchtet wurden die Nieren durch die Schwangerschaft noch mehr belastet. Ich wuchs allmählich und entwickelte mich prächtig. Langsam ging es auch mit meiner Mutter aufwärts, denn sie wurde nach meiner Geburt sofort in die Klinik gebracht, wo man ihr dann eine Niere entfernte.

Ich war schon immer ein sehr lebhaftes, quirliges und wildes Kind. Niemand merkte dass ich gar nichts hörte. Die Ärzte und die Medizin waren damals noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Erst als ich laufen konnte und meinen Eltern immer davon rannte und nicht horchte, wenn sie mich riefen, wurden diese langsam stutzig und brachten mich zum Arzt. Verschiedene Tests von lauten Geräuschen, wie Radio volle Pulle oder Metallschüssel auf den Boden werfen, wurden durchgezogen. Doch mich interessierte mehr, was in der Praxis an der Wand hing und die bunten Bilder. Schnell wurde klar, dass ich nichts hörte, was der Test dann auch bestätigte. Für meine Eltern brach eine Welt zusammen. Niemand kannte Gehörlosigkeit und vor allem wusste niemand, wie man damit umzugehen hat.

Beratungen mit Ärzten, Ämtern, Behörden etc. gaben Aufschluss über meinen Werdegang. Ich musste meine jungen Jahre in einem Internat für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche unter grausamen Bedingungen verbringen. Unter sehr strengen Nonnen wurde uns Kindern die Lautsprache eingetrichtert. Die Hände zum Gebärden durften wir nicht benutzen. Wenn eine Nonne das sah, gab es sofort Prügel mit dem Stock oder man wurde in den Keller gesperrt. Hart war diese Schulzeit und das Erlernen der Lautsprache. Hörende können sich das nicht vorstellen, wie das ist, nichts zu hören und doch die Lautsprache zu erlernen. Die Nonnen trimmten uns aufs Übelste, bis es einigermaßen klappte.

Erst in der Hauptschule wurden die Nonnen langsam weniger und durch Lehrer ersetzt. Ich konnte bis zu dem Zeitpunkt noch keine Gebärdensprache. Ich sah es nur bei den Kindern, die aus anderen Schulen, z.B. Heilbronn, zu mir nach Schwäbisch Gmünd wechselten. Wir guckten von den Kindern die Gebärdensprache ab und erlernten diese dann ziemlich schnell. Klar, Gehörlose untereinander sind wie eine Familie, und jeder nimmt von jedem was an. Wir sind sozusagen in unserer eigenen kleinen Welt. Leider werden wir auch viel ausgeschlossen, weil die Kommunikation für manche sehr mühsam ist. Mit Gehörlosen muss man sehr deutlich und langsam reden. Das Aufmachen des Mundes ist sehr wichtig, sonst können wir nicht von den Lippen ablesen. Was aber auch wichtig ist, dass man keine Fremdwörter benutzt, denn diese kennen wir nicht. Ihr seht, es ist nicht einfach so zu leben. Wer natürlich die Gebärdensprache kann, zu dem fühlen wir uns hingezogen und plaudern bis die Hände ausfransen, hahahaha.

Gebärdensprache ist also Unterhalten mit den Händen. Ihr könnt Eure Stimme schonen, denn die höre ich sowieso nicht. Es ist auch praktisch in Gebärdensprache sich zu unterhalten, denn in Kreisen wie z.B. das Volksfest, Verkehr oder weite Entfernungen, wie z.B. über die Straße, geht das ganz einfach. Hörende verstehen in solchen Entfernungen nur Bahnhof, aber ich kann mich in meiner Gebärdensprache auch da locker unterhalten.

Sorry, jetzt bin ich wieder in meine Welt getaucht und habe zu weit ausgeholt.

Ich besuchte also die Hauptschule und machte eine Ausbildung zur Stahlgraveurin. Dort war ich nur mit Hörenden zusammen. Es gab keine Berufsschule für Gehörlose als Stahlgraveurin, und darum absolvierte ich es unter den Hörenden. Der Unterricht war sehr mühsam, aber ich schaffte es und war sehr stolz darauf.

Mittlerweile war ich im Alter von 17 Jahren und der Führerschein nahte. Ich ging also in eine Fahrschule für Hörgeschädigte nach Ravensburg und machte dort meinen Führerschein. Ich musste dort 3 Wochen verweilen, denn der Schein wurde an einem Stück durchgezogen. Vor der Prüfung wurde mir der Ablauf erklärt, und ich musste mir das alles einprägen. Es wurden bei der Prüfung nur noch Täfelchen gezeigt, in welche Richtung es zu gehen hat. Alles klappte prima, und ich hatte endlich den Autoführerschein.

Den Motorradführerschein durfte ich von meinen Eltern aus nicht mit machen. Es kribbelte aber schon mächtig in mir, denn ich hatte Freunde, die mich immer mit dem Motorrad abholten. Natürlich durften die mich nicht zu Hause abholen, denn meine Eltern durften nicht sehen, dass ich mich hinten auf’s Bike setzte. Also musste ich immer meinen Helm und eine Jacke im Schließfach am Bahnhof einschließen. Sehr umständlich das Ganze, aber Hauptsache meine Eltern starben nicht vor lauter Sorge. Es ging lange Zeit gut, bis ich immer mehr das Verlangen hatte, selbst so eine Maschine zu fahren.

So entschloss ich mich eines Tages, dass ich den Schein machen will. Gedacht und getan, aber alles musste heimlich gehen. Ich ging also wieder in die Fahrschule für Gehörlose. Dieses Mal war es noch etwas schwieriger, denn man konnte mir gar nichts zeigen mit Schildern. Ich musste mir also den gesamten Ablauf eintrichtern. Die Regeln sind ja gleich, wie beim Autofahren, und die Schilder konnte ich ja schon. Den Schein mit Bravur bestanden ging es heim. Niemand wusste davon, nur meine Freunde. Im Schein steht nichts drinnen von meiner Gehörlosigkeit.

Tina unterwegs in Kroation
Das Verlangen wurde immer größer, und so kaufte ich mir eine eigene Maschine. Ich wohnte zu dieser Zeit schon in einer eigenen Wohnung, und so sahen meine Eltern nicht, was ich mir kaufte. Ich machte von da an nur noch Ausfahrten. Raus, weg und alles hinter mir lassen. Auf dem Motorrad fühle ich mich einfach frei wie ein Vogel. Dort vergesse ich all meine Sorgen, und wenn ich auch manchmal depressiv bin oder Wut habe, so steige ich aufs Bike und düse los. Danach bin ich immer sowas von entspannt und locker drauf. Meine Eltern erfuhren durch meine Nachbarn, dass ich jeden Morgen in der Früh so Krach veranstalte, wenn ich meinen Chopper – Virago 1100 – aus der Garage holte. Mein Vater dachte, ihn laust der Affe, als er davon hörte. Sofort fuhr er zu mir und schaute in meine Garage – und Tatsache: dort stand ein Motorrad. Es gab erst mal mächtig Zoff, meine Eltern waren für 3 Monate mit mir sauer und unterhielten sich nicht mehr mit mir. Es war schon eine blöde Zeit, und ich vermisste meine Eltern, aber die Wogen glätteten sich mit der Zeit. Auch heute haben meine Eltern nach wie vor Angst, wenn ich mit dem Bike weg bin. Ich muss mich immer per SMS melden, damit sie beruhigt sind.

Die Leidenschaft für’s Bike ist bis heute fester Bestandteil meines Lebens. Es kribbelt immer in meiner rechten Gashand, wenn die Biker-Saison anbricht. Bald ist es wieder soweit und ich werde meine Maschine – eine stahlblaue Yamaha Fazer FZ 600 – aus dem Winterschlaf wecken. Zum Beginn der Saison küsse ich mein Bike ganz viel und unterhalte mich mit meiner Maschine, dass sie mich auch in diesem Jahr wieder gut und gesund heim bringt.

Jedes Jahr, am letzten Samstag im Monat April, ist in Deggingen in der Ave Maria-Kirche der Motorrad-Gottesdienst. Dorthin kommen jährlich ca. 1.000 Biker mit ihren Maschinen. Zuerst wird zusammen eine 50 km lange Tour gefahren, und anschließend gehen alle in die Kirche. Dort wird dann der Verunglückten gedacht und man betet zusammen. Danach kommt der Pastor auf den Parkplatz und segnet alle Biker. Ich bin jedes Jahr dabei, und Gott sei Dank ist mir noch nie etwas passiert. Im Übrigen habe ich an meiner Maschine einen Schutzengel mit einem Magnet angebracht. Beim Schreiben hier juckt es schon wieder heftigst, und ich sehne mir den 1. März herbei. In der Hoffnung, dass es dann auch wettermäßig besser aussieht.

Ich werde auch heute immer noch gefragt, wie das denn geht, gehörlos zu sein und Auto oder Motorrad fahren zu können.

Gegenfrage, warum eigentlich nicht? Braucht man zum Fahren die Ohren? Nein!! Denn mir sind die anderen Sinne mehr gegeben als den Hörenden, und wenn ich auf der Straße bin, sind meine Augen doppelt so wachsam wie bei den Hörenden. Ich schaue mich mehr um, schaue mehr in den Rück- bzw. die Seitenspiegel und gleite über die Straßen wie ein Vogel durch die Lüfte.


"Harley fahren ist für mich wie Dauergänsehaut"
Mein ganzer Stolz ist es, Euch zu berichten, wohin mich meine Bikerlust schon geführt hat. Das absolute Highlight war, als ich vor ein paar Jahren für eine Woche in die Staaten reiste und mir dort eine Harley Davidson 1600 lieh. Ich düste die bekannte Route 66 entlang, und das ganz alleine. Ich liebte es, das Geräusch zu spüren, wenn die Maschine so laut knallte. An den Straßenrändern folgten mir immer zahlreiche Augen. Das hat mich wahnsinnig glücklich gemacht.

Ich habe aber auch den gigantischen Vorteil, hier im Süden zu wohnen, und so ist es nur ein Katzensprung in die schönsten Gebirge, nämlich die Alpen. Ich bin also in 1 Stunde in Österreich und kann von dort aus irre viele Berge fahren. Da schlägt jedes Bikerherz höher, wenn man die zahlreichen Pässe der Dolomiten fahren kann, welche ich im Übrigen schon alle abgefahren bin. Auch die Schweiz ist nicht zu verachten. Da bin ich in der gleichen Zeit und kann dort die schöne Schweizer Landschaft genießen. Im Schwarzwald und an der Mosel bin ich ebenfalls zahlreiche Male gefahren. Im Schnitt, lege ich so ca. 7.000 – 10.000 km im Jahr zurück. Arbeiten muss ich ja auch noch, und so habe ich nur an den Wochenenden oder im Urlaub Zeit für’s Fahren.

Wir waren auch schon auf Rügen und im Jahr 2008 mit den Motorrädern in Kroatien für 3 Wochen. Meine Freundin möchte mich gerne mal nach Schottland locken. Im Moment wehre ich mich noch dagegen, denn ich denke, dass das Wetter dort immer verrückt spielt.

Traumziele sind momentan Andalusien und Sardinien. Es wird auch noch irgendwann kommen, da bin ich mir ganz sicher.

Ich mag nicht so gerne in einer Gruppe mit vielen Motorrädern fahren. Ich liebe es, mit meiner Freundin und vielleicht noch mit 1 - 4 anderen zu fahren. Denn bei einer Ausfahrt ist es immer schön, zwischendurch in einem Straßencafé zu sitzen und zu plaudern und dann wieder weiterzufahren. In großen Gruppen ist das Fahren sehr anstrengend und macht mir nicht so viel Spaß. Die Touren mit Männern meide ich, denn meistens endet das in einem Bierzelt oder Campingplatz. Dort wird dann viel getrunken und gepöbelt.

Ich war bereits vor ein paar Jahren mit einer Frauengruppe, alles Hörende unterwegs in Frankreich. Diese Tour hat mich sehr traurig gemacht. Am Anfang waren alle sehr interessiert an mir. Jeder fragte mich viel, und mir machte es Spaß. Aber bereits am ersten Stopp beim Abendessen plauderten alle nur noch unter sich – und ich saß nur doof da. Ich wollte wissen, was sie redeten und fragte nach. Man gab mir kurze knappe Antworten, aber mehr auch nicht. Über den restlichen Reiseverlauf wurde gesprochen, aber ich bekam nichts mit. Man sagte mir nur kurz, dass es am anderen Morgen um 8 Uhr los ging. Ich ging schlafen. Der nächste Tag war genauso wie der erste. An diesem Abend platzte es aus mir heraus, und ich sagte in die Runde, dass ich die Gruppe am anderen Morgen verlassen werde. Alle waren geschockt und versuchten, mich zu beruhigen, was ihnen aber nicht gelang. Zu tief war ich betroffen und konnte mir eine weitere Reise mit denen nicht vorstellen. Um 7 Uhr am nächsten Morgen frühstückte ich schnell und fuhr heulend los. Allein und verlassen irgendwo in Frankreich.

Zu Hause angekommen, schwor ich mir, dass ich nie wieder mit einer hörenden Gruppe wegfahre. Gehörlose Biker-Frauen gibt es zwar, aber die sind so selten und dann noch ewig weit entfernt. Auch gibt es gehörlose Biker-Clubs, wie z.B. Deaf-Biker. Die Gehörlosenwelt ist ganz klein, die meisten sind im Rheinland, Baden Württemberg und in Schleswig Holstein zu Hause. In ganz Deutschland leben 80.000 Gehörlose.

Hauptsache, ich fahre mit meiner Freundin raus, und wir haben Spaß dabei.

Den werde ich auch nie verlieren, denn dazu liebe ich die Freiheit auf dem Motorrad zu sehr.

Ich hoffe, dass Euch meine Geschichte gefallen hat und Ihr etwas aus meiner Welt mit auf den Weg nehmt.

Viele Grüße von Tina

P.S. Ihr habt hier meine Geschichte gelesen. Diese hätte ich niemals so ausdrücken können, denn meine Grammatik ist – typisch bei Gehörlosen – eine Katastrophe, und aus diesem Grund hat den Text hier meine Freundin für mich geschrieben. Wenn einer mich bis ins Detail kennt, dann ist es sie, und ich bin sehr froh, dass ich sie an meiner Seite habe. – Ein großes Danke an meine Bianca.